Claudia Bosch

lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in New Haven, Connecticut. Sie studierte in Tübingen und St. Louis, Missouri. 1994 machte sie ihren Abschluss als Magister Artium in Neuerer Geschichte, Empirischer Kulturwissenschaft und Politikwissenschaft. Danach arbeitete sie als Referentin für Public Relations in Düsseldorf und im Großraum Stuttgart, bis sie im Dezember 2002 in die USA umzog. Sie promovierte bei Kaspar Maase und Monique Scheer über das Feiern im Festzelt als Cultural Performance. Seit Januar 2014 ist sie Lehrbeauftragte für Soziologie an der University of New Haven.

Kurzinterview

1. In eigenen Worten: Worum geht es in Ihrem Buch?

Jedes Jahr im Herbst feiern Millionen von Menschen in Festzelten. Wie kommt es, dass Männer und Frauen – nachdem sie einige Zeit im Zelt verbracht haben – gewisse normal-übliche Ordnungen brechen. Dieselben Frauen und Männer wohlgemerkt, die sich im Alltag ordentlich verhalten. Welche Prozesse laufen also ab, dass sich Menschen vergnügen und willens sind, die Sau rauszulassen? Um dem auf den Grund zu gehen, zeichnet die Studie einen Festzeltabend auf dem Cannstatter Wasen nach.

2. Was hat Sie an diesem Thema fasziniert?

Die bestehenden Ambivalenzen finde ich besonders reizvoll. Einerseits gibt es dieses „Flüssige“, das unordentliche Verhalten im Mittelschiff, dieses feierwütige Sein, wenn die Zeltbesucher auf den Bänken oder gar Tischen tanzen, laut grölen und grotesk sind oder fremde sich duzen. Andererseits existiert das „Feste“. Es läuft ein straff organisierter Geschäftsbetrieb, in dem nichts dem Zufall überlassen wird. Wann ein Prosit der Gemütlichkeit angestimmt wird, ist zum Beispiel minutiös vorgeplant.
„Fest und flüssig“ lässt sich auch auf das Neben- und Durcheinander von traditionellen Elementen (fest) und neueren Entwicklungen (flüssig) beziehen. Schon vor 100 Jahren sind Menschen auf dem Cannstatter Wasen auf Bänken gehockt, haben Bier in Krügen getrunken und sich gehen lassen. Geschunkelt wird heute aber nicht mehr.

3. Was ist das Besondere an Ihrem Buch?

Der ethnografische Teil zeichnet ein detailliertes Abbild vom gegenwärtigen Feiern. Bücher zum Cannstatter Volksfest gibt es schon, auch zum Oktoberfest. In den meisten werden die Vergnügungen buchhalterisch abgehandelt. Doch wenn eine Leserin wissenschaftlich genau erfahren möchte, was geschieht an einem solchen Abend, was macht das Feiern aus, dann klaffte da eine Lücke, die dieses Buch schließt. Volksfeste und Festzelte sind Bestandteile der deutschen Kultur, doch untersucht worden sind sie bislang eher nicht. Zu Wagners Bayreuth finden sich meterweise Abhandlungen. Die Publikationen über Festzelte (ohne das Oktoberfest zum Goldstandard zu erheben) lassen sich hingegen an einer oder zwei Händen abzählen. Und das obwohl mehr Menschen in Festzelte gehen als in alle deutsche Opernhäuser zusammen.

4. Woran arbeiten Sie als nächstes?

Auf dem Cannstatter Wasen wird kaum mehr geschunkelt. Das ist vorbei. Abgelöst wurde dieser Sitztanz von Reihentänzen (Line Dancing). Gleichwohl gibt es nach wie vor das Stereotyp der gemütlich schunkelnden Menschen im Festzelt (gerade auch in der Forschung). Dem will ich auf den Grund gehen. Denn Menschen tanzen ja nicht im gesellschaftlichen Vakuum. Was sagt also dieser Wandel weg von engen, geschlossenen Formen hin zu offeneren, individuellen Bewegungsmustern aus?